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Die Polyvagaltheorie in der Körperpsychotherapie

Aktualisiert: 5. Aug. 2023

Grundlagen der Polyvagaltheorie und ihrer Anwendung in der Körpertherapie


Poly = mehrfach

Vagal = Vagusnerv, X (10) ter Hirnnerv – Teil des Vegetativen Nervensystems (VNS)


Die grundlegende Annahme jeder Körpertherapie ist:


Unser mentales, seelisches, geistiges und körperliches Befinden kann nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Nicht im individuellen Wahrnehmen und auch nicht in der Therapie.

Physische und mentale Prozesse sind eng miteinander verzahnt und bedingen sich unmittelbar gegenseitig.


Schmerz, Stress, Verdauung, Immunabwehr, geistige und körperliche Leistungsfähigkeit sind einige typische Beispiele komplexer Prozesse, bei denen sowohl psychische als auch körperliche Auslöser eine entscheidende Rolle spielen. Auch untereinander beeinflussen sie sich wesentlich.


Schmerz ist nicht adäquat. Das meint: Das individuelle Schmerzempfinden ist nicht nur vom organischen Auslöser abhängig, sondern wird auch wesentlich von Erwartungen, Angst, Müdigkeit, Schmerzdauer, dem momentanen, psychischen Gesamtzustand und vielen weiteren Parametern mitbestimmt.


Ebendies gilt natürlich auch für unser individuelles Stress-Empfinden. Körperliche Faktoren, wie beispielsweise Blutzuckerspiegel oder Müdigkeit wirken in direktem Zusammenspiel mit psychischen Faktoren wie Resilienz, persönlichen Ängsten oder auch individuellen Erfahrungen und subjektivem Wahrnehmen.


In der modernen Medizin hat ein, beide Aspekte, Psyche und Physis, einschließender Ansatz mittlerweile Einfluss auf viele Therapieansätze. Von der Geburtenplanung bis hin zur Psycho-Onkologie.


Die direkte Verbindung zwischen unserem Nervensystem und Organen, Muskulatur, Verdauung und Kreislauf ist das sogenannte vegetative Nervensystem (VNS) oder auch viszerales oder autonomes Nervensystem (ANS) genannt.

Autonom, also unabhängig, meint hier die nicht unmittelbar willkürlich steuerbaren Prozesse wie zum Beispiel die Darmmotorik, oder auch die Kontraktion von Gefäßen zur Steuerung der Durchblutung, die Erweiterung/Verengung der Pupillen, die Schweißsekretion und die Funktion unserer inneren Organe. Auch die Herzfrequenz wird über das vegetative Nervensystem gesteuert.


Denken wir an Prozesse, welche mit Angst oder Stress assoziiert sind, können wir fast alle Wirkungsbereiche des VNS mal mehr, mal weniger mit einbeziehen. Das Zusammenspiel von Psyche und Physis wird hier offensichtlich.

Aber auch in der Schmerztherapie, für ein intaktes Immunsystem, unsere allgemeine Leistungsfähigkeit und im Zusammenhang mit hormonellen „Störungen“ ist der Zusammenhang unmittelbar.



Die Polyvagaltheorie und ihr körperpsychotherapeutischer Ansatz greifen genau hier.


Unser vegetatives Nervensystem setzt sich aus zwei grundlegenden Strukturen zusammen:


o Einem sympathischen und

o einem parasympathischen Teil.


Beide bezeichnen Nervenstrukturen welche zwei grundlegend verschiedenen Reaktionsmustern zugrunde liegen.


o Der sympathische Teil unseres VNS ist der aktivierende, leistungssteigernder Teil, welcher den Körper in Leistungsbereitschaft versetzt.


o Der parasympathische Bereich setzt unsere Leistungsbereitschaft herunter, schiebt die Verdauung an und fördert die körperliche Ruhe.







Während der sympathische Teil viele verschiedenste Nerven umfasst, lässt sich dem parasympathischen System ein zentraler Nerv als Hauptbestandteil zuordnen, nämlich der zehnte Hirnnerv, der Vagusnerv.

Sein Name leitet sich aus dem lateinischen ab und kann mit „umherschweifend“ übersetzt werden.



In der Grafik (parasympathisches System / Wikipedia) sehen wir die Zuordnung des Vagus (X).

Er innerviert Herz, Kehlkopf (Stimmbildung), Luftröhre und Bronchien (Atmung) sowie einen Großteil unseres Verdauungssystems.












Das poly, im Begriff polyvagal bedeutet nun mehrere. Warum das? Es handelt sich doch um einen Nerv, wenn auch mit ungewöhnlich vielen Ästen.


Der Neurologe Stephen W. Porges unterteilte den Vagusnerv nach seinen Austrittsorten in zwei Hauptäste, einen vorderen, ventralen Vagus (ventral = vorne) und einen dorsalen (hinteren) Vagus. Auch wenn diese Definition heute anatomisch nicht ganz korrekt scheint, macht die Unterscheidung in zwei Bereiche, sowohl was die Innervation als auch was die mit dieser einhergehende Verschiedenheit der Wirkweise angeht durchaus Sinn.



Besonders wenn wir unsere körperlichen Reaktionen beobachten, unterscheiden wir neben einer Flucht- oder Kampfreaktion, welche mit der Aktivierung unseres Sympathikus einhergeht, zwei verschieden geartete parasympathische Reaktionen, die wir beide unserem vagalen System zuordnen können. Nämlich die des passiven Rückzugs, der Starre, eines Schockzustandes und die der Sicherheit in welcher Abwägung und bewusste Entscheidung möglich sind.


In der Polyvagaltheorie kategorisieren wir anhand ihrer Innervation so drei verschiedene Zustände, in denen sich unser Nervensystem, also wir uns befinden:




1. Ventral vagal: also von Nervenästen des ventralen Teils des Vagusnervs bestimmt

- sicher, verbunden, reflektiert…


2. Sympathisch: von Aktionen des sympathischen Nervensystems geprägt

- Flucht, Kampf, Aggression, Konfrontation…




3. Dorsal vagal: bestimmt vom dorsalen Teil des Vagusnervs

- Shutdown, Starre, Lähmung…


Bei allen drei Kategorien handelt es sich um natürliche Schutzmechanismen, mit deren Hilfe wir versuchen auf unterschiedlichste Reize mehr oder weniger „angemessen“ zu reagieren.

Entwicklungsgeschichtlich ist die dorsal vagal geprägte Reaktion die älteste Art vermeintlicher Gefahr zu begegnen, nämlich durch „totstellen“.



Danach entwickelte sich die sympathische Reaktion. Flucht oder Kampf.

Die jüngste Form der Konfliktbewältigung ist das, durch ventral-vagale Innervation geprägte Management.




Wir können in diesem System beobachten, wie wir synchron zur Steigerung einer potenziellen Bedrohung alle drei Zustände / Phasen durchlaufen:


Bewusstes Abwägen und reflektiertes Handeln setzen ein Mindestmaß an Sicherheit und Verbundenheit voraus.

Nimmt uns eine potenzielle Bedrohung diese Sicherheit, bewegen wir uns in einer Abwärtsspirale in ein Bedürfnis nach Flucht oder Konfrontation bis hin zum dorsal-vagalen Zustand, der von Resignation geprägt keinerlei lösungsorientierte Entscheidung mehr zulässt.



Diese Spirale gilt es zu unterbrechen, bzw. wieder zurückzudrehen. Dies ist der therapeutische Ansatz, den uns die Polyvagal-Theorie eröffnet.


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